Tolkunbek Asykulov[*]

Zum Schutz der Schneeleoparden in Kirgistan

Zur Lage der Schneeleoparden

Abb.1: Verbreitungsgebiet des Schneeleoparden.
Abb.1: Verbreitungsgebiet des Schneeleoparden.

Der Schneeleopard (Panthera uncia) gehört zu den Großkatzen und ist weltweit vom Aussterben bedroht. Die seltene Art bringt zwei bis drei Jungtiere zur Welt (ROTE LISTE DER KIRGISISCHEN SSR 1985). Auf seinem Speiseplan stehen Bergziegen und Bergschafe, Hirsche, Rehe, Murmeltiere sowie das Himalaya-Königshuhn (ROTE LISTE DER UDSSR 1984:392).

Der Lebensraum des Schneeleoparden erstreckt sich über ein Gebiet von 2,2 Mio. km2 bzw. 2% der globalen Landfläche (KOSCHKAREV 1989:100). Der Schneeleopard lebt in freier Wildbahn in zwölf Staaten: Afghanistan, Bhutan, China, Indien, Kirgistan, Kasachstan, Mongolei, Nepal, Pakistan, Russland, Tadschikistan und Usbekistan (Abb. 1). Wie viele andere Wildtiere auch wurde er in der Vergangenheit massiv bejagt, so dass die Bestandszahlen drastisch zurückgingen. Die Aufmerksamkeit der International Union for Conservation of Nature (IUCN) gegenüber dem Schneeleoparden führte zu einer Reihe von Schutzmaßnahmen in den einzelnen Ländern. Dennoch ist der Bestand des Schneeleoparden weiterhin in allen Teilen seines Verbreitungsgebietes existentiell bedroht.

Abb. 2: Die Jagd nach Schneeleoparden in der Kirgisischen SSR. Foto: Eduard Wilczynski. Archiv der historischen Fotos RIA, 1966.

Mit der Etablierung der Herrschaft des Russischen Zarenreiches in Zentralasien und während der Zeit der Sowjetunion trugen Jäger wesentlich dazu bei, die Wildpopulation des Schneeleoparden massiv zu dezimieren. Vor allem der Abschuss für die Fellgewinnung sowie die Gefangennahme und Weitergabe an Zoos in ganz Eurasien trugen zu dieser Entwicklung bei (Abb. 2). Eine Analyse über die Todesursachen von 2.967 Schneeleoparden in Zentralasien über einen Zeitraum von über 100 Jahren ergab, dass knapp 80% von ihnen im Zuge kommerzieller Jagd getötet und rund 16% für die Haltung in Zoos gefangen wurden und anschließend in Gefangenschaft gestorben sind. Weniger als 1% der Schneeleoparden starb eines natürlichen Todes in freier Wildbahn (KOSHKAREV 1989:100).

In den Jahren 1884-1910 wurden allein in Semiretschje, einem Teil Zentralasiens, jährlich durchschnittlich etwa 60 Schneeleopardenfelle „geerntet“, mit einem Höhenpunkt von 142 Fellen im Jahr 1886. Im Gebiet der heutigen Republiken Kasachstan, Kirgistan und Tadschikistan wurden zwischen 1884 und 1968 mindestens 2.350 Schneeleoparden in freier Wildbahn gefangen genommen, davon knapp die Hälfte (1.131 bzw. 48%) allein bis zum Jahr 1911. Insgesamt wurden im Zeitraum 1947 bis 1988 auf dem Territorium von Kirgistan und Tadschikistan 475 Schneeleoparden für die Weitergabe oder den Weiterverkauf an Zoos gefangen, davon 384 (80,8%) bis in die 1970er Jahre. Die gefangenen Schneeleoparden wurden an das Zookombinat in Frunze (heute Bischkek) geliefert, von wo aus die Distribution an verschiedene Zoos auf dem Gebiet der Sowjetunion und Osteuropas erfolgte. Felle von Schneeleoparden wurden jedoch auch auf Auktionen und Messen in Leningrad (etwa im Jahr 1956) und Nizhegorod (1967) verkauft.

Schon zu Sowjetzeiten spielte der Handel mit Schneeleopardenfellen und -knochen eine wichtige Rolle. Aufgrund der Schusswaffenkontrolle und des funktionierenden Naturschutzes war dieser Einfluss jedoch weit weniger relevant als heute. Der Zerfall der Sowjetunion, das Aufkommen von Schwarzmärkten und weniger strenge Grenzkontrollen seit den 1990er Jahren führten zum massiven Anstieg der Wilderei und der Gefangennahme von Schneeleoparden. Diese Gefahr ist immer noch aktuell, insbesondere in entlegenen Regionen, in denen die Einhaltung von Bestimmungen zum Naturschutz nur schwer kontrolliert werden kann und wo sich nur wenige Einkommensalternativen für die lokale Bevölkerung bieten.

Schneeleoparden in Kirgistan

Abb. 3: Rückgang der Schneeleopardenpopulation in Kirgistan. (Quelle: Rote Liste der Kirgisischen SSR 1985; Rote Liste der Kirgisischen Republik 2007).
Abb. 3: Rückgang der Schneeleopardenpopulation in
Kirgistan. (Quelle: Rote Liste der Kirgisischen SSR 1985; Rote Liste der Kirgisischen Republik 2007).

Kirgistan ist ausgesprochen gebirgig und weist große Höhendifferenzen zwischen 500 m und 7.439 m ü. NN auf. Die Gebirgsketten des Tien Shan im nördlichen und zentralen Teil des Landes sowie des Pamir-Alai im Süden weisen eine Längserstreckung von 100-300 km sowie eine Breite von 10-40 km auf und sind somit potentiell geeignete Lebensräume des Schneeleoparden. Zu den höchsten Gipfeln Kirgistans zählen Pik Pobedy (7.439 m) und Kang-Too (6.995 m) im Kan Tenir-Muztagskoe-Gebirge im Osten des Landes sowie Pik Lenin (7.134 m) an der Nordabdachung des Zaalaysky-Gebirges im Grenzgebiet zu Tadschikistan.

Der Schneeleopard lebt meist in Höhen von 3.000 bis 4.000 Meter über dem Meeresspiegel. In diesen Höhen befindet sich auch der Lebensraum der Bergziege, die ein wichtiges Beutetier des Raubtiers darstellt. Im nördlichen Tien Shan reicht das Verbreitungsgebiet des Schneeleoparden bis hinunter auf etwa 2.000 m, die obere Höhengrenze seines Lebensraums liegt in der gesamten Region auf etwa 5.000 Meter (KOSHKAREV 1989:100).

Die Gesamtzahl der Schneeleoparden in Kirgistan wurde zu Beginn der 1980er Jahre auf 1.400 Individuen geschätzt (ROTE LISTE DER KIRGISISCHEN SSR 1985). Seit dem Jahr 2000 dürften es nicht mehr als 150-250 Einzeltiere sein (ROTE LISTE DER KIRGISISCHEN REPUBLIK 2007:544) (Abb. 3).

Als wesentlicher Grund für den geringen Bestand an Schneeleoparden gilt die nach wie vor anhaltende illegale Jagd. Selbst die 2012 eingeführten hohen Strafmaße für illegale Jagdaktivitäten – illegale Gefangennahme oder Abschuss eines Schneeleoparden werden mit 500.000 Som (ca. 10.000 US$) geahndet – konnten diese Machenschaften bisher nicht unterbinden. Einheimische Jäger oder Viehzüchter jagen heute vielfach im Auftrag von Geldgebern, welche die Tiere oder Felle anschließend verkaufen. Offiziell sind weder die Beteiligten noch die Wege von Tieren und Fellen bekannt.

Zum Schutz der Schneeleoparden richtete die Sektion Kirgistan des Naturschutzbundes Deutschland e.V. (NABU) eine Anti-Wilderei-Gruppe ein, die so genannte Gruppa Bars. Gemeinsam mit Vertretern der staatlichen Umweltsicherungsinspektion führt die Gruppa Bars monatliche Streifzüge zur Kontrolle und Sicherung des Bestands der Schneeleoparden und zum Schutz der Natur durch. Auf diesen Streifzügen werden häufig illegale Aktivitäten von Jagdfirmen oder Wilderern aufgedeckt (Abb. 4).

Beispielsweise deckte die Gruppa Bars bei einem kürzlich durchgeführten Streifzug das gesetzwidrige Verhalten der Jagdfirma „Okchontoi“ auf, deren Mitarbeiter ohne Genehmigung im Gebiet At- Baschy jagten. Im Lager der Firma wurden Schädel und Felle illegal geschossener Steinböcke sowie ein Jagdgewehr gefunden und sichergestellt. Bei einer Inspektion im Ak-Sai-Tal wurde ein Auto der Jagdfirma „Profi Hunt“ inspiziert und Fleisch von vier Bergziegen sowie drei Bergschafen vorgefunden. Für die vier Bergziegen konnten die Jäger eine Lizenz vorweisen, die Bergschafe waren jedoch illegal erlegt worden. Direkt am Ort wurde ein Protokoll aufgenommen und dieser Zwischenfall mit einer Videokamera festgehalten. Die Materialien wurden den lokalen Behörden der ökologischen und technischen Inspektion des Rayons At-Baschy übergeben.

Abb. 6: Ein Schneeleopard im Rehazentrum des NABU (Kirgistan). Foto: Asykulov 2012.
Abb. 6: Ein Schneeleopard im Rehazentrum des NABU (Kirgistan). Foto: Asykulov 2012.

Um den aktuellen Bestand der Schneeleopardenpopulation in Kirgistan genauer abzuschätzen, begann der NABU im Jahr 2013 mit dem Aufstellen von Fotofallen. Zwei Wochen nach dem Platzieren einiger Fotofallen wurde ein erstes Foto eines Schneeleoparden geschossen (Abb. 5).

Der NABU unterhält zudem seit 2002 ein Rehabilitationszentrum im Gebiet des Biosphärenreservats „Ysyk-Koel“, in dem zurzeit fünf Schneeleoparden, ein Luchs und neun verschiedene Greifvögel gehalten werden (Abb. 6). Diese derzeitigen Schneeleoparden müssen dauerhaft im Rehazentrum verbleiben, weil sie stark verwundet aufgefunden wurden und aufgrund bleibender Verstümmelungen nicht in freier Wildbahn überlebensfähig wären.

Darüber hinaus führen die Gruppa Bars und die Umweltbildungsabteilung des NABU Aufklärungsarbeiten zum Umwelt- und Naturschutz unter der einheimischen Bevölkerung sowie an Kindergärten, Schulen und Hochschulen durch, um die im Gebiet lebenden Menschen und die Öffentlichkeit Kirgistans für das Thema Schutz von Wildtieren zu sensibilisieren.

Politische Maßnahmen zur Zukunft der Schneeleoparden

Im Jahr 2011 initiierte der NABU das „Globale Forum zum Schutzes des Schneeleoparden”, in dessen Vorfeld die Filiale des NABU in Bischkek gemeinsam mit der Staatlichen Agentur für Umweltschutz und Forstwirtschaft eine Reihe von Veranstaltungen durchführte. Ein erstes Treffen von Vertretern verschiedener Naturschutzorganisationen zur Entwicklung einer Strategie fand am 24.07.2012 statt. Dabei wurden Fristen und Zeitplan sowie Inhalte und Beiträge aller Mitglieder der Arbeitsgruppe bestimmt. Bereits im Oktober 2012 wurde die Strategie vorgestellt, auf deren Grundlage wenig später die Kirgisische Regierung die Nationale Strategie zum Schutz des Schneeleoparden in der Kirgisischen Republik von 2012 bis 2023 (Artikel №732 – 2012) verabschiedete. Berücksichtigung fanden hierbei die Konvention über die biologische Vielfalt, die Konzeption der ökologischen Sicherheit der Kirgisischen Republik, der Vierte Nationale Bericht zur Erhaltung der biologischen Vielfalt sowie weitere normative nationalstaatliche Rechtsakte und internationale Verträge. Neben dem NABU und staatlichen Institutionen waren bei der Ausarbeitung der Strategie auch Vertreter akademischer Institute und Hochschulen, der britischen Naturschutzorganisation Fauna and Flora International (FFI) sowie von Snow Leopard Net (SLN) und Snow Leopard Trust (SLT) beteiligt.

Anfang Dezember 2012 fand in Bischkek das internationale Vorbereitungstreffen zum Schutz der Schneeleoparden mit über 120 Teilnehmern aus 12 Ländern (Afghanistan, Bhutan, China, Indien, Kasachstan, Kirgisische Republik, die Mongolei, Nepal, Pakistan, Russische Föderation, Tadschikistan und Usbekistan) sowie Vertretern von NABU, SLT, WWF, Pantera und GTI (Global Tiger Initiative) statt. Zehn der zwölf teilnehmenden Länder weisen Verbreitungsareale des Schneeleoparden auf und sind zudem Mitglieder oder Beobachter der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ). Die Kirgisische Republik führte 2013 den Vorsitz der SOZ, auf deren Gipfel die Durchführung des Globalen Forums zum Schutz der Schneeleoparden in der zweiten Hälfte 2013 in Bischkek vorgeschlagen wurde. Damit gelangt die Problematik der Schneeleoparden und der damit verbundenen Aufgaben zur Erhaltung und nachhaltigen Entwicklung der Hochgebirgsterritorien auf die höchste politische Ebene der Staaten. Im Verlauf des Forums soll das Globale Programm zum Erhalt der Schneeleoparden und deren Realisierung in den Jahren 2013-2020 angenommen werden.

Der Naturschutzbund Deutschland, die Weltbank und die Umweltschutzagentur der Kirgisischen Republik führten schließlich vom 22.-23.10.2013 das „Globale Forum zum Schutz der Schneeleoparden“ in Bischkek durch, auf dem unter anderem die Umweltminister von zwölf Staaten teilnahmen. Dabei wurden das Globale Schutzprogramm sowie die so genannten „Bischkek-Empfehlungen zur Erhaltung der Schneeleoparden und ihrer Hochgebirgsökosysteme“ verabschiedet. Das Jahr 2015 wurde zum Jahr des Schneeleoparden erklärt. In den zwölf teilnehmenden Staaten werden nun jeweils nationale Strategien zum Schutz der Schneeleoparden ausgearbeitet. Voraussichtlich wird demnächst ein Sekretariat zum Schutz der Schneeleoparden in Bischkek gegründet.

Literatur

KOSHKAREV, E.P. (1989): Der Schneeleopard in Kirgistan (Snezhnyibars v Kirgisii). Frunze.

ROTE LISTE DER KIRGISISCHEN SSR (Krasnaja Kniga Kirgisskoi SSR) (1985): Erster Band. Frunze.

ROTE LISTE DER UDSSR (Krasnaja Kniga SSSR) (1984): Erster Band. Moskau, S. 392 (2. Auflage).

ROTE LISTE DER KIRGISISCHEN REPUBLIK (Krasnaja Kniga Kyrgyzskoirespubliki) (2007). Bischkek.
http://www.foto.kg/galereya/572-fantasticheskoe-foto-ohotnika-iz-kirgizii.html.

Links:

[*] Tolkunbek Asykulov (Dr.rer.nat)

Kyrgyz National University, Faculty of Geography and Ecology, 328 ul. Abdymomunov, 720033 Bishkek.
e-mail: tolkun20@hotmail.com